Vertrauen als Kriterium: Die Beschaffung autonomer Roboter neu gedacht

Vor nicht langer Zeit war der Kauf eines autonomen Reinigungsroboters eine rein betriebliche Entscheidung.
Wie stark kann die Produktivität gesteigert werden? Wie viele Personalkosten können eingespart werden? Und wie schnell amortisiert sich die Investition? Wenn der ROI da war, stand einer Anschaffung nichts im Weg.
In den letzten Jahren hat sich der Beschaffungsprozess verändert. Heute möchte die IT-Abteilung wissen, womit sich das Gerät verbindet. Compliance will wissen, welche Daten erfasst werden und wo diese landen.
Der Kreis der internen Entscheidungsträger in der Beschaffung hat sich vergrössert und somit auch die Anschaffungskriterien. Die meisten Betriebsleiter wurden aber nicht darauf vorbereitet. Wir zeigen auf, worauf es ankommt, und warum kamerafreie, sichere Automatisierung das betriebliche Risiko senkt, unabhängig davon, wie sich die Regulierung als Nächstes entwickelt.
Warum sich die Kriterien geändert haben
Der Wandel lässt sich leicht erklären und steht nicht im Zusammenhang mit einem einzelnen Ereignis oder einer spezifischen Vorschrift. Er ist vielmehr Ausdruck eines grösseren Wandels in der Art und Weise, wie Unternehmen vernetzte Technologien bewerten.
Der regulatorische Druck auf vernetzte Industrietechnik nimmt in der EU und in der Schweiz zu, auch ohne ein einzelnes auslösendes Ereignis. Er zeigt sich vielmehr in einer wachsenden Zahl von Fristen und Vorgaben. Der EU Cyber Resilience Act macht die Meldung von Schwachstellen und Vorfällen für vernetzte Produkte ab dem 11. September 2026 verpflichtend, die vollständige Anwendung folgt am 11. Dezember 2027. Die NIS2-Richtlinie erfasst den Logistiksektor bereits heute umfassend, einschliesslich des Lagerbetriebs, der Roboter und der fahrerlosen Transportfahrzeuge, und stuft diese als wesentliche Infrastruktur mit konkreten Pflichten im Cyber-Risikomanagement ein. Der EU-Rahmen zur Überprüfung ausländischer Direktinvestitionen wird ebenfalls weiter verschärft, begleitet von Diskussionen darüber, bestehende Anforderungen an die Lieferkettensicherheit auf ein breiteres Spektrum vernetzter Technologien auszudehnen. Ob Cloud-Software, Telekommunikationsinfrastruktur oder Robotik: Käufer stellen mehr Fragen dazu, woher eine Technologie kommt, wie sie verwaltet wird und wer letztlich Zugriff darauf hat.
- Automatisierung hat den Schritt vom Pilotprojekt in den Produktivbetrieb vollzogen. Roboter sind nicht länger auf eine Ecke des Distributionszentrums beschränkt. Sie arbeiten in Lagern, an Produktionslinien und in Verteilzentren, mitten unter Menschen, zwischen Warenbeständen und in geschützten Betriebsbereichen.
- Roboter nehmen ihre Umgebung wahr. Um zuverlässig zu navigieren, muss eine Maschine ein Modell der Umgebung aufbauen und pflegen, in der sie unterwegs ist. Dieses Modell bildet den Betrieb ab und kann je nach eingesetzten Sensoren oder Kameras sehr detailliert sein.
- Vernetzung ist zum Standard geworden. Flottenmanagement, Fernüberwachung, Over-the-Air-Updates und die Anbindung an Lagersysteme gelten heute als selbstverständlich, und jede Verbindung wird damit zu einem weiteren Punkt, den es zu prüfen gilt.
- Das Layout eines Standorts ist kein Nebenaspekt mehr. Regalkonfiguration, Bereitstellungsflächen, Linienanordnung, Palettenfluss, Umrüstzyklen: All das gibt Aufschluss darüber, wie ein Unternehmen arbeitet und im Wettbewerb steht. Auftragsfertigern ist es häufig vertraglich untersagt, einem Kunden Einblick in den Betrieb eines anderen zu geben. Automobilwerke rüsten Werkzeuge für Produkte ein, die noch nicht angekündigt sind. Logistikdienstleister betreiben konkurrierende Marken unter einem Dach.
Nichts davon ist für eine Betriebsleitung neu. Neu ist, dass die Maschinen, die sich durch diese Umgebungen bewegen, nicht mehr nur Maschinen sind. Sie sind vernetzte, softwaregesteuerte Systeme und damit Teil der gesamten Technologielandschaft eines Unternehmens.
Vier Bereiche, die jeder Automatisierungskäufer prüfen sollte
- Daten und Datenschutz. Was die Maschine aufzeichnet und was sie behält.
Jeder Sensor ist eine Entscheidung darüber, welche Daten erfasst werden, entweder von Ihnen oder vom Anbieter. Es ist wichtig zu verstehen, was erfasst wird, warum es erfasst wird, wie lange es gespeichert bleibt und wer es später abrufen kann. Zwei Roboter können dieselbe Arbeit verrichten und dabei völlig unterschiedliche Daten über Ihren Betrieb erfassen. Eine Maschine, die per Kamera navigiert, erzeugt Bildmaterial, das eingesehen werden kann: Layouts, Warenbewegungen, Produktionslinien und die Menschen, die daran arbeiten. Eine Maschine, die per LiDAR navigiert, erzeugt räumliche Geometrie, die ausreicht, um sich sicher und präzise zu bewegen. Diese Unterscheidung entscheidet darüber, ob Ihr Betrieb wie eine Videoüberwachungsumgebung behandelt werden muss oder gar nicht erst zu einer solchen wird.
- Sicherheit und Anbindung. Wie die Maschine in Ihr Netzwerk und Ihre Systeme kommt.
Bei der Integration zeigt sich, wie belastbar die Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich sind. Proprietäre, undokumentierte Verbindungen sind genau die, die schlecht abgesichert, von niemandem gepflegt und irgendwann vergessen werden. Standardbasierte Schnittstellen kann Ihr eigenes Team prüfen. Fragen Sie, ob der Anbieter eine dokumentierte REST-API bietet, ob er einen offenen Standard für Flotteninteroperabilität wie VDA 5050 unterstützt und was eine WMS-Anbindung tatsächlich austauscht. Die Reinigungssteuerung braucht selten Bestandsdaten. Sie braucht meist nur die Information, ob ein Gang frei ist oder eine Schicht beendet wurde. Die richtige Integration überträgt das Minimum, das für die Aufgabe nötig ist, und nichts darüber hinaus. Ihr Team sollte jederzeit nachvollziehen können, welche Daten tatsächlich ausgetauscht werden.
- Governance und Kontrolle. Wo die Daten liegen und welches Recht für sie gilt.
„In der Cloud" ist keine vollständige Antwort. Fragen Sie, welche Cloud, in welcher Rechtsordnung, unter welchem Datenschutzrecht (DSGVO, das Schweizer Datenschutzgesetz oder beides), und vor allem: Was muss Ihr Gebäude überhaupt verlassen, damit der Roboter seine Arbeit macht? Steuerungs- und Betriebsdaten, die Ihr lokales Netzwerk nie verlassen, bergen grundsätzlich weniger Risiko als Daten, über externe Systeme übertragen werden müssen, um zu funktionieren.
- Resilienz und Vertrauen in den Anbieter. Wer die Maschine aktualisieren kann und wer in sieben Jahren noch da ist.
Zwei Fragen, die meist getrennt gestellt werden und zusammengehören, denn bei beiden geht es um Abhängigkeiten.
- Kontrolle: Wie werden Software-Updates signiert und validiert, können Sie sie vor dem Rollout auf die gesamte Flotte in einer Testumgebung prüfen, und wer innerhalb der Anbieterorganisation kann Code auf eine Maschine spielen, die in Ihrem Gebäude steht? Over-the-Air-Updates sind ein echter Vorteil und zugleich eine potenzielle Angriffsfläche.
- Kontinuität: Wo werden Ersatzteile gelagert, wie lange dauert die Lieferung an Ihren Standort realistisch, wird der Service von Mitarbeitenden des Anbieters erbracht oder über drei Ebenen von Subunternehmern, und wird diese Plattform in sieben Jahren wahrscheinlich noch unterstützt? Ein Roboter, für den es keine Ersatzteile gibt, ist ein sehr teures Hindernis mitten im Gang.
- Kann ein Anbieter diese Fragen nicht klar beantworten, ist auch das eine Antwort.
Wie „vertrauenswürdige Automatisierung" in der Praxis aussieht
Das Erfreuliche an diesem Wandel ist, dass gute Antworten bereits existieren. Vertrauenswürdige Automatisierung muss keine Leistungseinbussen bedeuten. Sie bedeutet vielmehr Lösungen, die von Anfang an mit diesen Fragen im Hinterkopf entwickelt wurden. Wir zeigen auf, wie Sie eine gute Lösung erkennen.
1. Daten und Datenschutz.
Eine gute Antwort beginnt damit, was nicht erfasst wird. Die stärkste Position bei Standortdaten ist kein gut verwaltetes Archiv davon. Sie besteht darin, diese Daten gar nicht erst zu erzeugen. Achten Sie auf Navigation, die räumliche Geometrie statt einsehbares Bildmaterial erzeugt, auf einen bewusst klein gehaltenen Sensorsatz, auf eine dokumentierte Speicherdauer und auf eine benannte Rechtsordnung mit einem klar definierten Datenschutzrecht für alle gespeicherten Daten.
In der Praxis: Die autonomen Industriekehrmaschinen von KEMARO navigieren mit LiDAR und 3D-Sensoren, ohne Videoaufnahmen der Betriebe zu machen, in denen sie arbeiten. Die praktische Folge ist erheblich: Roboter reinigen grosse Industrieböden autonom, ohne visuelle Aufzeichnungen von Lagerlayouts, Warenbewegungen, Produktionslinien oder den Menschen in der Umgebung zu erzeugen. Das ist der Kern des Unterschieds zwischen LiDAR und Kamera. LiDAR erstellt die räumliche Karte, die ein Roboter braucht, um sich sicher und präzise zu bewegen, erzeugt aber kein einsehbares Bild Ihres Betriebs. Für Standorte mit geschützten Prozessen und einem hohen Anspruch an den Schutz von Mitarbeiterdaten beseitigt diese Unterscheidung eine echte Risikoquelle, bevor sie überhaupt entsteht.
2. Sicherheit und Anbindung.
Der Steuerpfad, also die Befehle, die die Maschine bewegen, gehört in Ihr eigenes Netzwerk, hinter Ihre eigenen Firewall-Regeln, in ein Segment, das Ihr OT-Team bereits verwaltet. Die Cloud ist für das da, was dort wirklich besser aufgehoben ist: Überwachung, Reporting, Updates. Der Test ist einfach: Funktioniert die Maschine auch dann weiter, wenn die Verbindung zur Cloud abbricht?
In der Praxis: Bei der Integration wird Vertrauen oft gewonnen oder verspielt, weshalb es auf die Architektur ankommt. KEMARO-Roboter lassen sich über eine standardbasierte REST-API an ein Lagerverwaltungs- oder Lagersteuerungssystem anbinden, der Befehlspfad läuft dabei aber über das lokale Netzwerk des Kunden, hinter dessen Firewall-Regeln. Das System, das die Anweisungen erteilt, spricht direkt vor Ort mit dem Roboter. Betriebsbefehle müssen nicht über die Cloud laufen, um zu funktionieren.
3. Governance und Kontrolle.
Eine gute Antwort behandelt die Maschine als Software, die zufällig Räder hat. Updates werden signiert und validiert, können vor dem Rollout auf die gesamte Flotte in einer Testumgebung geprüft werden und lassen sich auf einen kleinen, klar definierten Kreis von Personen beschränken, die Code ausliefern können. Schnittstellen sind dokumentiert und standardbasiert, sodass Ihr eigenes Team prüfen kann, welche Daten ausgetauscht werden, statt sich darauf verlassen zu müssen. Integrationen übertragen nur das, was für die jeweilige Aufgabe tatsächlich erforderlich ist. Transparenz leistet in diesem Bereich die eigentliche Arbeit: Ein Anbieter, der seine Schnittstelle veröffentlicht, ist ein Anbieter, der bereit ist, sich prüfen zu lassen.
In der Praxis: KEMARO integriert über eine dokumentierte REST-API, unterstützt VDA 5050 für Flotteninteroperabilität, wo Roboter eine Fläche mit fahrerlosen Transportfahrzeugen teilen, und liefert Software-Updates über Sphere Over-the-Air aus. Was eine Reinigungsintegration austauscht, bleibt auf das beschränkt, was die Reinigungssteuerung tatsächlich benötigt: Flächen- und Schichtstatus, keine Bestandsdaten.
4. Vertrauen in den Anbieter und Resilienz.
Eine gute Antwort ist eine, die sich konkret überprüfen lässt: Entwicklung und Montage, die man auf einer Karte finden kann, Ersatzteile in der Nähe der Flotte mit einer Lieferzeit von Tagen, Service durch Personen, die der Anbieter selbst beschäftigt, und ein Bekenntnis zur Plattform, das über die Abschreibungsdauer hinausreicht. Dieser Aspekt der Bewertung taucht in keinem Sicherheitsfragebogen auf und kann dennoch mehr über das Ergebnis entscheiden als vieles, was dort abgefragt wird.
In der Praxis: Die Roboter von KEMARO werden in Eschlikon in der Schweiz im eigenen Haus entwickelt und montiert, am selben Standort, an dem das Unternehmen 2016 gegründet wurde. Die Schweiz betreut KEMARO direkt mit dem eigenen Aussendienst, ergänzt um ein Händlernetz, das die Abdeckung auf 40 Länder erweitert.
Es geht nicht um ein einzelnes Merkmal. Es geht darum, dass jede dieser Fragen von Käufern eine bewusste und belastbare Antwort hat, weil das Produkt von Anfang an um diese Anforderungen herum entwickelt und nicht erst nachträglich daran angepasst wurde. Genau das nennt KEMARO „Privacy by Design“.
Warum das zählt, unabhängig von der Regulierung
Man könnte all das als Reaktion auf ein sich wandelndes regulatorisches Umfeld sehen. Doch das greift zu kurz. Wir beobachten einen viel breiteren Wandel darin, wie Unternehmen Automatisierung bewerten.
Vorschriften werden sich in jedem Markt weiterentwickeln. Aber die grundlegenden Gründe für vertrauenswürdige Automatisierung sind nicht an eine einzelne Regel gebunden. Daten nicht zu erheben, die Sie nicht brauchen, senkt das Risiko heute. Die Kontrolle über Daten im eigenen Netzwerk zu behalten, senkt die Wahrscheinlichkeit eines Cyberangriffs heute. Einen Anbieter mit lokalem Support und stabiler Lieferkette zu wählen, sichert die Verfügbarkeit heute.
Anders gesagt: Privacy by Design und sichere Integration sind keine Compliance-Kosten. Sie senken das Betriebsrisiko und helfen Ihnen gleichzeitig, unabhängig davon, wie sich die regulatorischen Anforderungen entwickeln.
Wenn Sie also gerade Automatisierung bewerten, fragen Sie weiter nach Produktivität und ROI. Diese Zahlen entscheiden weiterhin darüber, ob Automatisierung sinnvoll ist. Aber stellen Sie eine weitere Frage und zwar frühzeitig: Können wir dieser Technologie in unserem Betrieb und dem Unternehmen dahinter auch in den kommenden Jahren vertrauen?
.png)





